Jul 042013
 

Die BI hatte im Jahr 2011 aufgedeckt, dass mindestens 15000 Tonnen sog. frei gemessene radioaktive Abfälle aus dem Abbruch des AKW Lubmin auf der Deponie abgekippt worden sind.
Im Interview mit dem NDR äußerten sich Wissenschaftler grundsätzlich gegen das Verbringen von strahlendem Abfall ( auch frei gemessener Abfall strahlt, nur unterhalb von willkürlich festgesetzten Grenzwerten).s.NDR info Interview
Der Fachinformationsdienst Strahlentelex bezeichnete nach Vorlage der Informationen die Praxis des Freimessens als Bluff! Prof.Dr.med. Wolfgang Hoffmann von der Universität Greifswald dazu: „Das Wort „Freimessen“ suggeriert ja, dass da anschließend Freiheit von Risiko, Freiheit von Gesundheitsgefährdung da ist. Das ist natürlich nicht der Fall.“
Nun hat die BI erste Werte von gemessener radioaktiver Strahlung im Sickerwasser der Deponie:

Analyse Radioaktivität Sickerwasser Deponie Ihlenberg Quelle Messungen des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) MV

Analyse Radioaktivität Sickerwasser Deponie Ihlenberg Quelle Messungen des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) MV

 

Wundern sich sich bitte nicht über die Messwertdarstellung: hier wird die wissenschaftliche Notation vorgenommen: Das E steht dabei einfach für 10x, wobei x die Zahl ist, die nach dem E steht. Ein paar vergleichende Werte:

Vergleichswerte Tritium Konzentrationen
Quellen: Jahresbericht Umweltradioaktivität und Strahlenbelastung
von 2006 und Messungen des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) des Landes Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen des §3 der Strahlenschutzverordnung

 

Im  Interview mit den Lübecker Nachrichten am 07.05.2011 sagt dazu der Geschäftsführer der Deponie:

LN: Selmsdorfer forderten unlängst in einer Bürgerversammlung mehr Informationen über radioaktive Strahlung, die ihrer Ansicht von der Deponie Ihlenberg und deren Sickerwasser ausgehen könnte. Haben wir es da mit einer typisch deutschen Hysterie in Folge des Reaktorunfalls in Fukushima zu tun?
Krüger: Mein persönlicher Eindruck ist: Ja. Radioaktivität bedeutet ja, dass ein Material strahlt. Und es gibt natürliche Radioaktivität. Wenn Sie ins Gebirge gehen, etwa ins Fichtelgebirge oder auf die Zugspitze, sind Sie einer natürlichen radioaktiven Strahlung ausgesetzt, die sich deutlich von der unterscheidet, die, ich sage mal, auf der Ostsee ist oder irgendwo auf einem Acker in Mecklenburg. Radioaktivität ist aber
überall. Deshalb kann man nicht behaupten, es gibt keine Radioaktivität hier. Die Frage ist nur, in wieweit ist sie schädlich und in wieweit haben wir es mit einer Strahlungsquelle zu tun, die gesundheitsbeeinträchtigend wirkt.
LN: Gibt es denn radioaktive Strahlung auf der Deponie oder nicht?
Krüger: Das ist hier nach allem, was ich über die Deponie gelernt habe, nicht der Fall.Hier sind in der Vergangenheit freigemessene Abfälle aus Lubmin hingekommen. Es ist so: Wenn man ein Kraftwerk zurückbaut, dann gibt es nicht nur einen hochradioaktiven Teil, sondern auch ein ganz normales
Verwaltungsgebäude, Papierkörbe und so weiter. Wenn die Strahlung dort unter einem sehr geringen Wert ist, sagt das Atomrecht: Da haben wir nichts mehr mit zu tun. Es ist sozusagen so gering belastet wie im Fichtelgebirge. Und so etwas ist hierher gekommen. Warum heute gesagt wird, dass im Sickerwasser Radioaktivität ist, vermag ich nicht zu sagen.
Einen Kommentar zum Inhalt und dessen Qualität verkneifen wir uns an dieser Stelle.

Für uns besorgniserregend sind die Werte für das radioaktive Isotop des Wasserstoffs Tritium, das in der Natur so gut wie gar nicht vorkommt, sondern fast ausschließlich durch Atomwaffentests und der Nutzung der Kernenergie in die Umwelt gelangt. Der natürliche Gehalt von Tritium lag bei unter 1 Bq/l, heute in Grund- Oberflächengewässern bei 2-5 Bq/l. (und dies selbstverständlich auch im Fichtelgebirge und auf der Zugsspitze)
Im Deponiesickerwasser liegt der Wert bei bis 576 Bq/l Wasser. Dies liegt zwar unterhalb der Grenzwerte der Strahlenschutzverordnung, aber fast 6- fach über dem Wert der Trinkwasserverordnung von 100 Bq/l.
Tritium hat aber noch eine fatale Eigenschaft: es gibt kein Verfahren, dieses radioaktive Isotop herauszufiltern, auch nicht mit der Umkehrosmoseanlage der Deponie, da es sich von der Größe nicht vom Wassermolekül unterscheidet. Es ist daher davon auszugehen, dass diese hohen Tritiumgehalte genauso im Vorfluter der Deponie,z.B. also im Rupensdorfer Bach zu finden sein werden.
Die Gefährlichkeit von Tritium wird zunehmend größer gesehen, da aufgenommenes Tritium von Pflanzen, Tieren und Menschen wie „normales“ Wasser verwendet  und so auch in Zellen eingebaut wird und dort als Betastrahler das Erbgut schädigen kann.
Wissenschaftler machen heute z.T. das Tritium aus Kernkraftwerken, das in sehr hohen Mengen im Kühlwasser und in die Luft entweicht, für die signifikante Erhöhung der Leukämierate bei Kindern im Umkreis aller deutschen AKW verantwortlich. Wobei wir auch bei der Festsetzung der aus unserer Sicht viel zu hohen Grenzwerte für Tritium sind: wie schon oben geschrieben, lässt sich Tritium durch kein Verfahren filtern und es fällt in großen Mengen bei der Kernspaltung an. Bei niedrigen, dem Vorsorgeprinzip geschuldeten Grenzwerte von Tritium ließe sich kein AKW mehr betreiben…..
Wikipedia sagt zu Tritium und seiner „Gefährlichkeit : Eine französisch-belgische Studie von 2008 kommt zum Schluss, dass seine radiologischen Wirkungen bisher unterschätzt wurden: Es kann sich z.B. in die DNA (Erbsubstanz) einlagern, was vor allem bei einer Schwangerschaft problematisch sein kann.[13] Eine andere Studie kommt sogar zu dem Schluss, dass die Wirkung bisher um den Faktor 1000–5000 unterschätzt worden sein könnte.[14]
Was bedeutet das für uns?
1. Im Sickerwasser der Deponie befinden sich radioaktive Substanzen, die sich nicht mehr heraus filtern lassen und in die Umgebung gelangen.
2. Radioaktive Substanzen können nur im Sickerwasser der Deponie enthalten sein, wenn auch radioaktive Abfälle dort abgelagert wurden.
3. Es müssen umgehend alle Grundwasser und Oberflächengewässer auf Tritium untersucht werden, gibt es Werte, die oberhalb der „natürlichen“ liegen, liegt ein Einfluss der Deponie vor, denn Tritium ist nun eben auch ein eindeutiger und sehr feiner Marker für Undichtigkeiten der Deponie. (die einzige „gute“ Nachricht in diesem Artikel)
4. Die Vorfluter der Deponie entwässern über zahlreiche Gewässer, in denen geangelt, Fischzucht betrieben und gebadet wird. Letztlich mündet ein Teil immer im FFH Schutzgebiet Dassower See.
5. Sollten in den Oberflächengewässern rund um die Deponie radioaktives Tritium gefunden werden, müsste umgehend die Bevölkerung informiert werden, damit jeder selbst entscheiden kann, ob und wie er die Gewässer weiter nutzt.
6. Da Tritium ein Gas ist, ist davon auszugehen, dass es auch im Deponiegas enthalten ist. Daher muss das radioaktive Isotop auch im Deponiegas gemessen wird, dazu gehören auch die Emissionen des Blockheizkraftwerkes und der Gasfackel
6. Und letztlich sind wir wieder bei unserer „alten“ und immer wieder aktuellen Grundforderung: es muß endlich eine umfassende toxikologische Untersuchung auf deponiebürtige Schadstoffe in Wasser, Boden und Luft durchgeführt werden. Diese Untersuchung muss von einem Expertenteam durchgeführt werden, dass unabhängig vom Betreiber und vom Eigentümer (dem Land Mecklenburg-Vorpommern) und von Seiten der Deponiebetreiberin und den Kritikern der Deponie Akzeptanz findet.

In Schleswig Holstein wurden folgende Tritiumwerte gemessen:

In Schleswig Holstein gemessene Tritiumwerte in Grundwasser, Trinkwasser und Deponiesickerwasser im Vergleich mit der Deponie Ihlenberg.
Quelle:Messumfang für Schleswig-Holstein gemäß AVV-IMIS vom 13. Dezember 2006

Sie wollen mehr über die Strahlenschutzverordnung und deren kritischer Beurteilung durch Ärzte wissen:

Warum wird als Refernenz für die Gefährlichkeit von radioaktiver Strahlung ein erwachsener Mann genommen und nicht ein menschlicher Embryo, der besonders gefährdet ist?

Die faulen Punkte der Strahlenschutzverordnung

Die alten Zöpfe der Strahlenschutzverordnung abschneiden

Die stille Katastophe

Radioaktive Hintergrundstrahlung bedeutet Erhöhung des Krebsrisikos und der Säuglingssterblichkeit „Sowohl die Krebsrate (alle Malignome) als auch die Säuglingssterblichkeit zeigen eine signifikante Abhängigkeit von der Höhe der Hintergrundstrahlung.“

Verwaltungsvorschrift

 

 

 

 

 Veröffentlicht von am 16:01
Jun 022013
 

In Deutschland werden die Deponien in 4 Klassen (I – IV) eingeteilt.

Einfach ausgedrückt: Abfälle, die nicht so gefährlich sind, kommen auf Deponien der Klasse I, besonders gefährliche auf Deponien der Klasse III und die für die Umwelt und Menschen giftigsten kommen auf Deponien der Klasse IV, die Untertagedeponien sind, oder  in Sondermüllverbrennungsanlagen.
Wie gefährlich ein Abfall ist, wird in der Deponieverordnung geregelt. Je nach Konzentration der einzelnen Gifte wird die Zuordnung in die verschiedenen Deponie Klassen so vorgenommen, dass möglichst wenig Gefährdung für die Umwelt und die Menschen auftritt. So steigt die Anforderung an die Sicherheitsausstattung einer Deponie mit Zunahme der Deponieklasse. Ein Abfall, in dem eine festgelegte Konzentration für die Deponie Klasse III festgestellt wurde, darf nicht auf eine Klasse II Deponie und einer für die Deponieklasse IV nicht auf eine „IIIer“ Deponie.
Die Deponieverordnung mit der Zuordnung entsprechend der Giftigkeit eines Abfalls dient allein dem Schutz der Umwelt oder wie es im Amtsdeutsch heißt: dem Wohl der Allgemeinheit.
Im Einzelfall, so heißt es in der Verordnung, dürfen Grenzwerte überschritten werden, wenn nachgewiesen werden kann, dass das Allgemeinwohl nicht gefährdet ist.
Auf der Deponie Ihlenberg (vormals Deponie VEB Schönberg) ist aus einer Einzelfallregelung die Regel geworden. Jedes Jahr gelangen mehrere 100000 Tonnen giftiger Abfälle auf die Deponie, die eigentlich nach der Deponieverordnung in eine Untertagedeponie oder in eine Sondermüllverbrennungsanlage verbracht werden müssten.
Das sind die Zahlen für die letzten 5 Jahre:

Jahr Überschreitung Kriterien[1] Gesamtmenge[2] Prozent
2012 249000 t  ?  ?
2011 142000 t 470.000 t > 30%
2010 187000 t 460.000 t > 40%
2009 258000 t 550.000 t > 46%
2008 473000 t 990.000 t > 47%

 


[1] Quelle: Schreiben der Aufsichtsbehörde Staatliches Amt für Landwirtschaft und Umwelt Westmecklenburg AZ StALU WM-53-UIG-13/01

[2] Bilanzen der IAG 2011, 2010, 2009 und 2008

Da Grafiken immer anschaulicher sind, hier eine für das Jahr 2009

Dies sagt übrigens der Duden über Einzelfall:

1. konkreter, einzelner Fall (der jeweils individuell zu beurteilen oder zu behandeln ist)
2. etwas, was eine Ausnahme darstellt, was nicht die Regel ist

Es scheint aber vielmehr zu sein, dass der landeseigene Betrieb nur mit diesen regelmäßigen „Einzelfällen“ wirtschaftlich überlebensfähig ist.
Ein unhaltbarer Zustand, wenn mit Duldung der Kontrollbehörde ein Einzelfall zur Regel wird. So kann man eine Deponie auch am Leben halten. Die Umwelt wird die Zeche dafür zahlen.

Deponieverordnung zum Download

 Veröffentlicht von am 16:20
Mai 192013
 

Seid nunmehr mindestens 17 Jahren vergiftet die Deponie Ihlenberg (vormals VEB Deponie Schönberg) ein Grundwasser außerhalb des Deponiegeländes. Die Messstelle, die Grundwasser in 37 Meter unter Geländeoberkante entnimmt, liegt auf der anderen Seite der B 104 auf dem sogenannten Bockholzberg. Diese Messstelle wurde 1996 im Rahmen eines Forschungsvorhabens des Bundesministeriums für Bildung und Forschung(BMBF) angelegt und zeigte sofort schwere Belastungen mit krebserregenden Stoffen.

Im diesem Grundwasser finden sich etliche krebserregend Stoffe wie z.B. Vinylchlorid, Benzol u.v.a.m
Die Konzentration liegt etwa das 20 fache über den zulässigen Schwellenwerten. 9,6 µg/l statt 0,5 µg/l und dies offenbar mit Duldung der Behörden.
Die Überschreitungen für Vinylchlorid lassen sich grafisch verdeutlichen:


Quelle der Daten: IAG Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft Jahresübersicht 2012 Anlage 2.6. Seite 35/64 Stand 25.03.2013

Für das giftige Benzol sehen die Daten so aus:

Quelle der Daten: IAG Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft Jahresübersicht 2012 Anlage 2.6. Seite 35/64 Stand 25.03.2013

Wer eine kleine private Kläranlage oder ein Gewerbe betreibt, weiß, mit welcher Genauigkeit die Behörden auf die Einhaltung der Vorschriften achten. Bei der größten Sondermülldeponie Europas scheinen andere Regeln zu gelten, oder nur  bei landeseigenen Betrieben ?
Schon im Jahr 2000 bezeichnete der renommierte Hydrogeologe Prof. Pegdecker vor dem Umweltausschuss der Lübecker Bürgerschaft diese Vergiftung als klassisches „Leck“ und forderte damals eine umgehende Sanierung der Kontamination. Neben Prof.Pegdeker hielt  Dr. Gäbler vom Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung schon 1999 die Belastung ebenfalls vom Sickerwassser verursacht.

Die Gutachter der Deponiegesellschaft vertraten bis vor einiger Zeit die für uns haarsträubende These, dass Deponiegase  durch den hohen Gasdruck im Deponiekörper diese Kontamination verursachten,der sie in das Grundwasser drückt. Heute scheint man von Betreiberseite eher zu glauben, dass hochgiftige Deponiegase oberflächennah in den Bereich des Bockholzberges kommen und dann durch Niederschlagswasser in das 37m unter Geländeoberkante liegende Grundwasser gespült werden. Eine für uns ebenfalls nicht nachvollziebare Therorie, denn was ist bei trockenen und heißen Witterungsperioden? Bei den im Grundwasser gefundenen Giften sind auch leicht flüchtige Stoffe enthalten, die an der Luft extrem giftig und gefährlich sind.

Lage der Messstelle:

© Google

© Google 2013

 

Erinnert sei daran, dass es  erst wenige Wochen her ist, dass die Lübecker Nachrichten schrieb: beim Grundwasser sei laut Geschäftsführer der IAG alles im grünen Bereich. Weit gefehlt!
Wir fordern im übrigen seit 12 Jahren eine umfassende Sanierung des Schadens !
Es wird gerade durch die Deponiebetreiberin an einer neuen Gefahrenabschätzung gearbeitet, die wievielte mag es in dieser langen Zeit wohl sein?

Ableitung von Geringfügigkeitsschwellenwerten für das Grundwasser als PDF Datei

 Veröffentlicht von am 09:24
Apr 112013
 

Eigentlich sollte alles klar gewesen sein: am 28.2.2013 tagte der Bau- und Umweltausschuss der Gemeinde Selmsdorf in folgender Besetzung:

Christian Albeck Ausschussvorsitzender SPD
Andreas Horn 2. stellv. Ausschussvorsitzender BfS
Karl-Heinz Kniep Ausschussmitglied CDU
Oliver Knoop Ausschussmitglied CDU
Kay Lüneburg Berufener Einwohner WPS
Bernhard Stoeter Berufener Einwohner SPD

Quelle: Ratsinfo Amt Schönberger Land

In dieser Sitzung wurde  unter anderem über eine Verlängerung der im April 2011 verhängten Veränderungssperre beraten und abgestimmt. Für die Verlängerung stimmten alle oben aufgeführten Sitzungsteilnehmer! Der beauftragte Planer machte in diesem Ausschuss deutlich, dass eine Verlängerung der Veränderungssperre sinnvoll sei und er diese für angebracht hielte. Wörtlich heißt es:

Die Veränderungssperre ist 2 Jahre gültig und würde demnach im April 2013 auslaufen.

Abstimmungen über die Konkretisierung der Inhalte des Bebauungsplanes zwischen Gemeinde und der IAG Selmsdorf verlaufen positiv und konstruktiv.

Unabhängig davon ist der Bebauungsplan Nr. 18 der Gemeinde Selmsdorf „Deponie auf dem Ihlenberg“ jedoch noch nicht rechtskräftig abgeschlossen. Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, die Veränderungssperre um 1 Jahr zu verlängern. Hierüber hat die Gemeindevertretung Selmsdorf zu entscheiden.

§ 1 Verlängerung der Veränderungssperre

Die Geltungsdauer der Satzung der Gemeinde Selmsdorf über die Veränderungssperre für den Geltungsbereich des Bebauungsplanes Nr. 18 „Deponie auf dem Ihlenberg“ vom 31.März 2011, bekannt gemacht am 29.April 2011, wird gemäß § 17 Abs. 1 Satz 3 BauGB um 1 Jahr verlängert.

§ 2 Inkrafttreten und Außerkrafttreten der Veränderungssperre

(1)    Diese Satzung tritt am Tage nach Bekanntmachung in Kraft.

(2)    Die Veränderungssperre tritt außer Kraft, sobald und soweit die Bauleitplanung rechtsverbindlich abgeschlossen ist; spätestens 1 Jahr nach Inkrafttreten.

Am 15.03.2013 war die Verlängerung der Veränderungssperre dann  auf der Tagesordnung der Gemeindevertreter. Die einstimmige Empfehlung des Bauauschusses wurde zur Abstimmung gebracht und nun staunte man: innerhalb von 2 Wochen (bei einem Mitglied, Christian Albeck geschah der Sinneswandel scheinbar innerhalb von 24 Stunden) änderte sich das Abstimmungsverhalten radikal.

Bis auf die beiden Vertreter der WPS Manuela Scherlipp und Michael Tauchert, die sich damit an die Empfehlung des Bau-Ausschusses hielten, stimmten alle gegen eine Verlängerung der Veränderungssperre. Besonders überraschend auch die Kehrtwende des Vorsitzenden der Bau- und Umweltausschusses Christian Albeck (SPD),  hatte er sich doch sogar im April 2011 dafür ausgesprochen, dass die BI bei der Erstellung eines B-Planes mithelfen solle, um zusätzliche Belastungen für die Bevölkerung weitmöglichst auszuschließen.

Richtig wäre es zumindest gewesen, einmal offenzulegen, was zur 180° Wende auch entgegen den Empfehlungen des Planers geführt hatte. Doch Fehlanzeige, keiner äußerte sich gegenüber der Öffentlichkeit. Wozu wird der Bauausschuss denn hier degradiert? Braucht die Gemeinde ihn überhaupt, wenn das dortige Abstimmungsverhalten und dessen Empfehlung ohnehin nicht zählen? Wäre es nicht politisch anständig gegenüber den ehrenamtlichen Mitgliedern des Ausschusses und der Öffentlichkeit zu erklären, warum diese Kehrtwende gemacht worden ist. So sieht das nach einer Hinterzimmerpolitik aus, die wenig transparent ist.

Wir können nur spekulieren, was die Gründe für ein solch auffälliges Gebaren ist: eines ist aber klar, damit haben genau diese Vertreter der Deponie Ihlenberg einen großen Gefallen getan. Warum nur? Reichte der Satz des Deponiechefs “ Ich betrachte die Veränderungssperre als unfreundlichen Akt“, dass gestandene Männer komplett ihre Meinung ändern? Oder gab es „geheime“ Abmachungen?

Damit hat die Gemeinde Selmsdorf  ohne jeden Grund (die Veränderungssperre wäre ja aufgehoben worden, sobald ein B-Plan fertig gewesen wäre) eine starke Verhandlungsposition aufgegeben:

Sie hätte fordern können:

  • die Fortsetzung der epidemiologischen (Krebs)Untersuchung, die die Landesregierung entgegen ihrer Versprechen nicht weiterführt. Hierbei wird neben die Häufigkeit der Krebserkrankungen bei Mitarbeitern auch die der Bevölkerung untersucht.
  • eine Antwort, warum der landeseigene Betrieb seit 15 Jahren ein Grundwasser mit krebserregenden Stoffen am Bockholzberg kontaminieren darf . Offenbar bekommt die IAG das Problem nicht in den Griff und die Überwachungsbehörden sehen zu. Jeder Bürger ahnt vermutlich, was ihm „blühte“, wenn er eine solche Umweltverschmutzung betreiben würde.
  • eine Luftmessstation einzurichten
  • eine regelmäßige Überprüfung des Selmsdorfer Grabens ( für die Stadt Lübeck wird sogar seit neuestem der Palinger und Lüdersdorfer Graben beprobt)

Aber offenbar gibt es für die Mehrzahl der Selmsdorfer Gemeindevertreter nach wie vor nur eine Informationsquelle und das ist der Deponiebetreiber selbst.

Und so sind sie auch schon zufrieden, wenn der 68jährige Deponiechef sagt, wir bauen keine Müllverbrennungsanlage. Wie naiv ist das denn? Dr. Krüger fand auch den Asbestmüll unproblematisch, sagt laut Zeitungsinterview, dass auf dem „Altteil“ der Deponie überwiegend Hausmüll liegt und alle Grundwasserproben im grünen Bereich lägen… (und wir sagen darauf hin: im Himmel ist Jahrmarkt)

Naiv ist es aber auch, zu denken, die Selmsdorfer merken nicht, wessen Interessen da mehr Gewicht haben, denn im Interesse der Bürger/Innen ist die Entscheidung definitiv nicht! Immerhin herrscht hier nun Klarheit, wie einzelne Mitglieder des Gemeinderates zur Deponie Ihlenberg stehen und wo sie ihre Prioritäten setzen. Nun wissen wir auch, warum die Gemeinde kaum oder sehr zaghaft etwas gegen die Asbesttransporte unternommen hat, es immer noch keine Luftmessstation in Selmsdorf gibt und es in der Gemeindevertretung scheinbar niemanden interessiert, dass die Landesregierung nach der Feststellung des 80% erhöhten Krebsrisikos für ihre Mitarbeiter auf der Deponie dies nicht weiter untersuchen möchte.

Die Lübecker Nachrichten und die OZ nahmen sich dieses Themas auch an, allerdings offenbar ohne von dem Abstimmungsergebnis des Bau- und Umweltausschusses zu wissen. Dann hätten vielleicht der Autor Herr Lenz und auch sicher etliche Leser das Verhalten in der GV ebenfalls „unglaublich“ gefunden.

 

 Veröffentlicht von am 16:05
Mrz 032013
 

Schon wieder ein seichter Zeitungsartikel zur Deponie Ihlenberg in den Lübecker Nachrichten und wieder wäre er fast für eine Promotion der Deponiegesellschaft geeignet. Doch eine wichtige Informaion enthielt der Artikel doch: eine offenbar thermische Abfallanlage ist in Planung!

Im Einzelnen:

1.Die Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft (IAG) vor den Toren Lübecks lässt das Grundwasser regelmäßig untersuchen — die Ergebnisse aber wurden bisher nicht veröffentlicht. Jetzt soll der neue Deponiebeirat im Sommer als erster von den Werten erfahren, die auf der Deponie gemessen wurden. Nach LN-Informationen sind die Ergebnisse unspektakulär und sollen sich im grünen Bereich befinden.

Was erwartet eine Redakteurin von einem Deponieeigentümer? Schlechte Werte veröffentlichen? Mitnichten, dennoch gibt es natürlich nachgewiesene Grund- und Oberflächenkontaminationen mit Sickerwasser… Und in der Vergangenheit wurden diese auch öffentlich, auch vor dem Lübecker Umweltausschuss durch den Gutachter der Hansestadt Lübeck, Prof. Pegdecker. Auch die BI hat und wird diese Meßdaten veröffentlichen:

  •  48m³ Deponiesickerwassereintrag pro Tag (!) in den Untergrund (Geologisches Landesamt MV 1991)
  • Kontamination mit Chlorid in mehreren Meßstellen im Bereich der Deponie und ihrem Umkreis 1987-1988 eine Zunahme um den Faktor 10-15. Der Stoffeintrag ist deutlich im Zentrum des Deponiegeländes zu erkennen.
  • Bleikonzentrationen 1987- 1990 in 32 Fällen über dem Sanierungsrichtwert von 200µg/l mit dem Maximalwert von 7500 µg/l. Dies betrifft auch die Grundwassermessstellen P13, P17, P23 und P32 aus dem tieferen Quartär und P37 aus dem tiefsten Quartär.
  • Bohrung Hy Selm 99/87 in einer Tiefe von 235- 237 m(!) unter GOK 4,65 µg/l Hexachlorcyclohexan (Lindan).
  • Schlußfolgerung: Zusammenfassend läßt sich feststellen, dass Sickerwasserinhaltsstoffe im tieferen Quartär nachgewiesen worden sind.( Statusbericht GLA- MV Nov. 1991)
  • Es ist nicht auszuschließen, dass die Arsenkonzentrationen in den Verockerungszonen 15m- 37m unter GOK partiell mit Undichtigkeiten in der Deponiebasis in Zusammenhang stehen.
  • Messstellen 102 , 201,360 Vinylchlorid,Fluoranthen(PAK) in den Meßstellen 105 und 403 oberhalb der TVO
  • Messstelle 150 und 330 1- und 2- Metyhlnaphtalin Messstelle 63 und 202 Phenole oberhalb der Grenzwerte vom STAUN
  • Messstelle 170 2- Metyhlnaphtalin (BMBF Abschlußbericht)
  • Seit 1996 Messtelle 360 (Bockholzberg) Vinylchlorid, Benzol, LHKWSin hohen Konzentrationen mehrfach über dem Geringfügigkeitsschwellenwert der LAWA…..im Grundwasser der Messstelle 361 außerdem bei fast allen entnommenen Proben Nickel und Cadmium bestimmbar.”(BMBF Abschlußbericht)
  • S.21 ” ….eine Beeinflussung des Grundwassers in den Messstellen 150, 131 und 360 durch das Sickerwasser”S.22 “Im Abstrom der Deponie befinden sich Grundwässer (Messstellen 150,131,170 und 180)*, deren Borisotopenzusammensetzung durch Deponiesickerwasser beeinflusst wurde. Außerhalb dieser sickerwasserbeeinflussten “Fahne”der Messstellen 150,131,180 und 170 liegen Messstellen( 190,120,110,140), deren ð11B von etwa 2 0/00 keine Sickerwasserbeeinflussung vermuten läßt.”S.23 ” Aufgrund der Borisotopenverhältnismessungen und LCKW-Analysen kann im Wasser der Messstelle 360* ein Deponiesickerwassereinfluss angenommen werden.Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung Dr.Gäbler 1999
  • Der Hydrogeologe Prof.Dr.Pegdecker von der Berliner Universität drängt im Janunar 2000 und Februar 2001 auf eine schnelle Sanierung.(vergeblich).Er wies auch darauf hin, dass die Geologie der Deponie, was zumindest die oberen Grundwasserleiter angeht, für einen Deponiebetrieb ungeeignet sind, wie der aktuelle geologische Schnitt eindrucksvoll belegt. Gut zu erkennen sind die in gelb gehaltenen Wasserleiter und die vielen Fragezeichen direkt unter dem Deponiekörper ! *alle Messstellen liegen südlich bzw. östlich der Deponie,die Fließrichtung ist gegen Schönberg gerichtet!

Also alles im grünen Bereich oder?

 2.120 000 Kubikmeter sauberes Wasser kommen pro Jahr heraus, 63 000 Kubikmeter dreckiges. Das wird mit Aschekalk verdickt zu einer Art Zement und wieder eingelagert.

Deponiesickerwasser ist so ungefähr das giftigste, was auf einer Deponie anfällt. Das Wort „dreckig“ trifft diesenTatbestand nun wirklich überhaupt nicht.

Die Deponie Ihlenberg verfügt über eine technisch hochwertige Umkehrosmoseanlage, vereinfacht ausgedrückt wird das Sickerwasser mit hohem Druck durch Membranen gepresst. Daraus ergibt sich zum einen nahezu destilliertes Wasser und zum anderen das noch giftigere Konzentrat, in dem die Schadstoffe aufkonzentriert vorhanden sind, denn in Luft löst sich ja bekanntlich nichts auf.
Es handelt sich hierbei um ein überaus giftigen Sondermüll, ob dieser überhaupt auf einer Deponie der Klasse III gelagert werden darf, wurde schon sehr kontrovers im Deponiebeirat diskutiert. Und um was für eine Asche handelt es sich, mit der das Konzentrat vermischt wird? Wieder keinerlei Hinterfragen der Aussagen durch die Redakteurin.
Aber nun kommt in dem Artikel mal ein wichtige Information:

3.Durch ein neues Verfahren (eine Art Eindampfen) soll das dreckige Konzentrat bis 2016 auf 8000 Kubikmeter reduziert werden. Darin ist die Schadstoffkonzentration dann aber höher, deshalb kann es nicht mehr in der Deponie Schönberg gelagert werden, sondern kommt in unterirdische Lager.

Wiederum sehr schade, dass es keine Nachfragen der LN Redakteurin gab, um was für ein Anlage es sich denn handelt, gibt es eine Genehmigung, wenn ja von wann ist diese? Wo soll die Anlage gebaut werden. Entstehen beim Betrieb der Anlage Emissionen, Staub, Lärm oder Gestank? Keine Frage und dann natürlich auch keine Antworten. Diese hätten den positiven Grundcharakter des Artikels ja auch stören können. Statt dessen wird allenfalls wieder das Wort „dreckig“ als schlimmstes Attribut für einen Aball benutzt, der so giftig ist, dass selbst Ausnahmegenehmigungen oder Bestandsschutz nicht mehr reichen, um ihn auf der eigenen Deponie einzulagern. Wie wird der problematischen Stoff transportiert, was, wenn er verunfallt?

Aber der entscheidende Punkt ist: es wird wieder eine Abfallbehandlungsanlage auf dem Ihlenberg geplant! Das Prinzip der Trocknung wurde ja schon vor knapp 2 Jahren mit den Planungen für eine Klärschlammtrocknungsanlage verfolgt. Die Gemeinde Selmsdorf verhängte darauf hin zunächst ein Veränderungssperre, die in diesem Monat ausläuft.

Nun weiß ja jede Hausfrau/Hausmann, dass „eine Art Eindampfen“ nur mit Zufuhr von Wärme erfolgen kann. Durch welche Energie bekommt man Wärme? Das kennen wir aus unserer Küche, wo flüssige Stoffe erwärmt werden, entstehen Dampf und Gase. Welchen Schadstoffgehalt diese Gase bei „der Art Eindampfen“ von dem höchst giftigem Sickerwasserkonzentrat haben, kann sich jeder vorstellen. Unter dem Strich bedeutet das zusätzliche Emissionen für Menschen und Umwelt.

Insofern hat dieser so nett gemeinte Zeitungsbericht doch noch eine wertvolle Information für alle Bürger und auch für die Gemeindevertreter. Es wäre dringend an der Zeit, die Veränderungssperre nun zu verlängern. Immerhin soll die Anlage schon in 3 Jahren in Betrieb gehen. Und nun wissen wir auch wieder, was die schönen Visionen von Windkraft, Sonnenenergie und Pumpspeicher wirklich sollen: Ablenkung von den wirklichen Plänen.

Nur glauben wir kaum, dass sich die Mehrheit der Gemeindevertreter so behandeln lassen will. Wir werden das genau beobachten!

Für die Zukunft hoffen wir, dass die Lübecker Nachrichten sich bei der Berichterstattung nicht nur mehr beim Betreiber informieren und kritisches Hinterfragen hat immer ein besseres Ergebnis gebracht.
Diese Art  schadet auf Dauer nicht nur dem Ruf der Zeitung, sondern dem Berufsstand des Journalisten insgesamt.

 

 

 Veröffentlicht von am 17:51